Harnschau

Bei Galen (2. Jhr.n.Chr.) spielte die Harnschau als diagnostische Methode zur Abklärung von Krankheiten eine grosse Rolle. Nach seiner Auffassung, der Säftelehre entsprechend, wurde das Blut durch "Kochung" des Speisebreis in der Leber gebildet und es diente der Ernährung des Körpers. Der Harn dagegen, entstünde aus der überflüssigen Feuchtigkeit und den zur Nahrungsbildung ungeeigneten Stoffen. Galen war der Meinung, dass die Leber der Entstehungsort des Harns (vehiculum nutrimenti) sei und die Nieren, aufgrund einer ihnen innewohnenden "anziehenden Kraft" nur der Ausscheidung dienten. Deshalb wurden sichtbare Veränderungen des Urins auf eine Vielzahl von Krankheiten, selten jedoch auf eine Nierenkrankheit, bezogen.

In meiner Praxis arbeite ich mit der klassischen Harnschau, einem mehr als 100 Jahre alten Verfahren zur Analyse des Urins. Leider wird der Urin heute, wenn überhaupt, nur noch mittels Urinstick untersucht. Dabei gibt der Harn wichtige Aufschlüsse über die Funktion der inneren Organe. Für die klassische Harnschau werden fünf Reagenzröhrchen zu etwa einem Drittel mit Urin gefüllt und dann jedes für sich mit einer entsprechenden Reagenz versetzt. Jetzt wird zunächst im ,,kalten Zustand" Farbe, Flockung, Schaumbildung und Niederschlag jedes Röhrchens beurteilt. Danach wird der Urin ,,gekocht" und wieder analysiert. Die Reagenzgläser geben qualitativ Aufschluß über die Arbeit von Niere, Darm, Galle, Bauchspeicheldrüse und Leber. Der Urinstick komplettiert die Befunderhebung.
